Rückenschmerz-Mythen
Rückenschmerzen sind in der heutigen Gesellschaft allgegenwärtig. Weltweit haben ca. 570 Millionen Menschen Rückenschmerzen. Sie sind eine der führenden Ursachen für physische Einschränkung. 39% erwachsener Menschen haben jedes Jahr Rückenschmerzen. Ein Grund dafür ist, dass sich in Medizin, Physiotherapie und der Trainingswissenschaft immer noch diverse Mythen ranken, wenn es um die Ursache und Behandlung von Rückenschmerzen geht. Es wurde zum Beispiel untersucht wie lange die Erkenntnisse der Wissenschaft brauchen, um in der Praxis anzukommen. Im Schnitt 17 Jahre! Viel zu lange werden Menschen, die unter Rückenschmerzen leiden mit veralteten Methoden behandelt, die nachgewiesenermaßen keine großen oder gar negative Effekte haben. Mehr dazu hier.
Im Folgenden räumen wir mit einigen gängigen Mythen zum Thema Rückenschmerzen auf.
Meine Haltung ist schuld an meinen Rückenschmerzen
Ein weitverbreiteter Irrglaube ist, dass eine „schlechte“ Haltung schuld an Rückenschmerzen ist. Ein gerundeter Rücken, nach vorne fallende Schultern oder ein nach vorne geneigter Kopf werden meist gleichgesetzt mit schlechter Haltung. Im Gegensatz dazu wird eine Haltung mit geradem Rücken, nach hinten gezogenen Schultern und dem Kopf in einer Linie mit dem Körper als „gut“ empfunden.
In der Realität ist es fast unmöglich eine einheitliche Definition einer „guten“ Haltung zu finden. Die Körperhaltung ist so individuell wie der Mensch selbst und hängt von verschiedensten Faktoren ab. Das Alter, der Geisteszustand, Stress und vieles mehr nehmen Einfluss auf unsere Haltung. Einen traurigen Menschen stellt man sich automatisch eher gekrümmt mit hängenden Schultern vor, während ein glücklicher Mensch oft mit einer aufrechten Haltung verbunden wird. Unsere Emotionen spielen also auch eine Rolle.
Viele Menschen, vielleicht auch Du, bekommen gesagt, dass sie an ihrer schlechten Haltung arbeiten sollen, um Schmerzen vorzubeugen oder sie loszuwerden. Therapeuten, Ärzte und andere Experten aus dem Gesundheitsbereich reproduzieren diese Sätze und viele Menschen glauben nach wie vor daran. Das kann zu einer großen Verunsicherung bei Patientinnen und Patienten führen, denen gesagt wird, dass ihr schiefes Becken, ihr Hohlkreuz oder ihre vorgefallenen Schultern ihre Probleme auslösen.
Aber sind diese Behauptungen überhaupt gerechtfertigt? Wie ist der Zusammenhang zwischen Schmerz und Haltung tatsächlich?
Aktuelle Erkenntnisse der Schmerzwissenschaft und Rehabilitationsforschung unterstützen diese Annahmen nicht. Es gibt keine grundsätzlich „schlechte“ Haltung. Schlecht ist es eher, wenn wir zu lange in einer Haltung verweilen. Ganz egal, welche das ist. Wenn Du stundenlang sitzt und nie die Position wechselst, wird sich Dein Körper bemerkbar machen. Egal, ob Du gerade oder gekrümmt gesessen hast. Die Rückenmuskulatur permanent anzuspannen, um den Rücken gerade zu halten, wird das Problem nicht lösen. Es ist also wichtig regelmäßig eine neue Haltung anzunehmen, denn „die nächste Haltung ist die beste Haltung“.
In der Schmerzforschung deutet der Großteil der Evidenz daraufhin, folgende Faktoren nicht die Ursache Deines Rückenschmerzes sind:
- Unterschiedlich lange Beine
In diesem Zustand ist ein Bein länger als das andere. Hierbei können entweder unterschiedlich lange Beinknochen oder eine funktionelle Abweichung des Beckens verantwortlich sein. Beinlängenunterschied von bis zu 1cm sind sehr häufig (65-90% der Bevölkerung). Es gibt die weitverbreitete Annahme, dass eine Differenz der Beinlänge das Risiko für Rückenschmerzen erhöhen könnte. In Untersuchungen wurde jedoch festgestellt, dass der Zusammenhang zwischen einer milden Ungleichheit in der Beinlänge von bis zu 1,5 Zentimetern und Rückenschmerzen fragwürdig ist. Es wurde kein Unterschied in der Beinlängendifferenz zwischen Personen mit und ohne Rückenschmerzen gefunden.
Das bedeutet, dass Menschen mit unterschiedlich langen Beinen nicht zwingend anfälliger für Rückenschmerzen sind.
- Beckenstellung und Lendenwirbellordose
Die Beckenstellung und die Lendenwirbellordose (der Bogen der Wirbelsäule im unteren Rückenbereich) sind oft Gegenstand von Diskussionen über Rückenschmerzen. Es existiert die Annahme, dass eine erhöhte Beckenneigung und eine größere Lordose (Hohlkreuz) Rückenschmerzen verursachen können, da sie die natürliche Ausrichtung der Wirbelsäule verändern.
Ein gekipptes Becken und Hohlkreuze treten bei Menschen ohne Schmerzen genauso häufig auf, wie bei Menschen mit Schmerzen. - Verkürzte“ Hüftbeuger
Dieser Punkt lässt sich schnell abhaken, wenn wir uns die vorherigen Absätze anschauen. Die Logik hinter dem „verkürzten“ Hüftbeuger ist, dass die Hüftbeuger stärker an der Lendenwirbelsäule ziehen, was zu einem Hohlkreuz führen und das Risiko für Rückenschmerzen erhöhen soll. Da ein Hohlkreuz kein Risikofaktor für Rückenschmerzen ist, spielt auch ein „verkürzter“ Hüftbeuger keine Rolle.
Ich habe etwas falsch gehoben
Der Mythos des falschen Hebens hält sich immer noch hartnäckig. Dabei haben verschiedenste Untersuchungen gezeigt, dass es bei der Entstehung von Rückenschmerzen keinen signifikanten Unterschied zwischen einer gebeugten und einer gerade Wirbelsäule gibt. Tatsächlich kann das heben mit geradem Rücken sogar für höhere Schwerkräfte in der Lendwirbelsäule (L5/S1) sorgen als das Heben mit krummen Rücken.
Beide Hebevarianten sind in der Regel sicher und keine ist besser als die andere. Viel mehr kommt es darauf an, ob der Rücken auf die Belastung vorbereitet ist oder nicht.
Da hilft nur Ruhe
Bei schweren, akuten Beschwerden kann eine Pause von körperlicher Aktivität sicherlich kurzfristig sinnvoll sein. Trotzdem tragen Bewegung und ein angepasstes Training in den meisten Fällen nachhaltig zur Verbesserung bei.
Mal angenommen Du hast Rückenschmerzen und schonst Dich ab sofort. Was wird zwangsläufig passieren? Du baust Muskulatur ab und die Strukturen um Deinen Rücken herum werden weniger belastbar. Wenn Du jetzt Deinen Rücken wieder belastest, ist die Gefahr größer, dass Du auch wieder Rückenschmerzen bekommst.
Die Lösung kann ein gut geplantes, strukturiertes Krafttraining sein, um die Belastbarkeit Deines Rückens zu erhöhen und Dich weniger anfällig für Schmerzen zu machen.
Außerdem:
Du musst nicht erst “geheilt” sein, bevor Du wieder mit Dingen anfangen kannst, die Dir wichtig ist. In diesem Satz stecken zwei wichtige Punkte.
Du solltest sofort aktiv werden (auch wenn Du Schmerzen, vermeintliche Fehlstellungen oder Ähnliches hast) und Dich auf die Dinge konzentrieren, die Du bereits tun kannst.
Sport kann einen großen Teil dazu beitragen, Stress zu reduzieren und Dich ermutigen, weil Du aktiv an deinen Problemen arbeitest. Wir ermutigen Dich dazu, so schnell wie möglich wieder mit Deinem Lieblingssport einzusteigen. Und, wenn es nur ganz langsames Joggen oder mit dem Fußball jonglieren ist – es wird Deinem Gemüt und damit Deinen Schmerzen unheimlich guttun
Selbstverständlich solltest Du davor überprüfen, ob Dein Körper widerstandsfähig genug für die Bewegungen ist.
Meine Faszien sind verklebt
Viele Menschen denken, dass Faszien verkleben können, was wiederum Schmerzen auslöst. Dabei lassen sich kaum Beweise für Verklebungen finden. Lediglich Menschen, die eine Operation hatten oder unter bestimmten Krankheiten leiden können unter Faszienverklebungen leiden. Viele Aussagen über Faszienverklebungen scheinen eher auf persönlichen Meinungen und Erfahrungen von Gesundheitsexpertinnen zu beruhen als auf tatsächlichen wissenschaftlichen Fakten.
Warum hilft einigen Menschen dann ein „Faszientraining“?
Druck auf den Körper, z.B. über eine Rolle, Bälle o.ä. kann dafür sorgen, dass unser Schmerz überlagert oder verringert wird. Diesen Effekt nennt man Neuromodulation. Faszienrolle und co. verändern also nichts an der Faszie selbst, sondern können unsere Schmerzwahrnehmung verändern. Um eine Faszie um 1% zu verändern, bräuchte es mehr als 400 Kilogramm Druck. Das entspricht ungefähr einem kleinen Eisbären.
Faszientools können also sinnvoll sein, um Schmerzen kurzfristig zu lindern und können Teil einer ganzheitlichen Therapie sein. Langfristig werden Schmerzen aber in den meisten Fällen nicht durch Faszientraining gelöst.
Quellen
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